Aus: "Der Kirchentag – Das Magazin" (04/2020)

Kunst in Zeiten der Krise

Keine Auftritte, kein Geld – die Corona-Pandemie trifft die Kulturszene besonders hart. Wie gehen Künstler*innen damit um? Einen persönlichen Einblick gibt Künstlerin und Theologin Christina Brudereck.

Die Kunst hat über Jahrhunderte die Kirche inspiriert. Malerei, Architektur, Rhetorik, Schauspiel und Musik. Gegenwärtig hat die Kunst es schwer, mit ihrem eigenen Ausdruck Platz in der Kirche zu finden. Sie dient oft als Lückenfüller oder der Abwechslung. So geht der Kunst, aber vor allem der Kirche viel verloren. Bei Kirchentagen ist es anders. Da hat Kunst viel Platz. Das ist ausgesprochen wohltuend. Ich meine: Für alle Beteiligten.

Brotlose Kunst?

Immer wieder werden mein Mann und ich gefragt: „2Flügel, kann man davon leben?“ Meine schmunzelnde Standardantwort ist: „Wie tot seh ich denn aus…? Dass Sie mich das fragen?!“ Mit mehr Mühe geantwortet: Es gibt einige wenige Topverdiener, die vom Schreiben, Singen, Musizieren, Malen, Filmen, als Comedian, Clownin, Tänzer oder Fotografin sehr gut leben können. Viele andere kämpfen. Auf und hinter der Bühne arbeiten sie mit großer Leidenschaft. Einfach, weil sie Kunst schaffen müssen. Weil sie Bücher und Lieder schreiben, ein Publikum zum Lachen bringen, sich auf diese Weise einmischen wollen.

Sorgen um die Zukunft

Die Pandemie trifft die Kulturszene besonders hart. Die Kinos und Theater, Veranstaltungstechniker und Eventmanagerinnen. Uns Künstler*innen. Die Maßnahmen sind hart. Finanzielle und Zukunfts-Sorgen sind das eine, dazu kommt die Sorge um das eigene Gemüt. Nicht tun zu können, was unser Leben ausmacht, ist für viele sehr belastend. Auch wir vermissen die Live-Veranstaltungen.

Zwischen Freiheit und Risiko

Als Duo 2Flügel haben wir vor Jahren einen Weg unabhängiger von Verlagen und Labels gefunden. Wir haben einen eigenen, den 2Flügel-Verlag gegründet. Jede neue Produktion, Roman oder CD, liegt nun in unserer Hand. In Zusammenarbeit mit Grafikerinnen, Lektorat, Regie und Buchdruck. Aber wir tragen das volle Risiko. Und genießen die volle Freiheit! Während der Pandemie gab es kaum Live-Konzerte. Ich habe die Zeit für ein neues Buch-Projekt genutzt. Wir haben digitale Konzerte gegeben und die Reichweite YouTube lieben gelernt. Neuen Spielraum gefunden. Wie viele Kolleg*innen haben wir versucht, kreativ mit dieser herausfordernden Zeit umzugehen. Um unsere Kunstform lebendig zu halten. Und unser Verlag lief und lieferte. Wir haben erlebt: Wenn Konzerte und Lesungen nicht möglich sind, sind sie gefragt: Die Gedichte und Lieder, die Musik und die Geschichten.

Trostkraft Kunst

Und genauso erlebe ich es auch selbst: Ich bin dankbar für die Trostkraft der Kunst. Kunst kann ja auch aufwühlen, mahnen, den Finger in die Wunde legen, den Horizont erweitern. Aber sie kann auch trösten. Ich höre Musik, die meine Seele berührt. Momentan viel Johann Sebastian Bach. Patti Smith. Pink für gute Laune. „Resilient“ von den Rising Appalachia in Dauerschleife. Und wer wäre ich jetzt ohne Bücher?! Geschichten, die Zeit vertreiben, Angst und Albträume. Romane. Zwischendurch Gedichte von Ruth Klüger und Erich Kästner. Essays. Unbedingt Pippi Langstrumpf. Das Journal von Carolin Ehmcke in der Zeitung. Und immer wieder die Bibel. In gerechter Sprache. Ich gucke Filme, mit denen ich in andere Welten reisen kann. Neue! „Joker“ im Autokino. Und Alte! Immer gerne Wim Wenders. Ich gucke Serien und höre TED-Talks. Die Bronze-Skulpturen von Tamara Suhr berühren mich. Und die Gemälde von Sue Ellen Parkinson. In dieser belastenden Zeit brauche ich, genieße ich die Trostkraft der Kunst. Wenn wir viel zu Hause sind, andere Ablenkungen wie ein Restaurant-, Konzert- oder Kinobesuch nicht möglich sind, sind sie da: Die Lieder, die Bücher, die Worte, Geschichten und Bilder.

Erzählkraft einer Theopoetin

Als ich zum ersten Mal „Theopoetin“ genannt wurde, habe ich mich gefreut. In diesem Wort finde ich mich wieder. Ich liebe die Theologie und die Poesie. Meine Kunst und Freiberuflichkeit ermöglichen mir, die beiden zu verbinden. In der Pandemie habe ich erlebt, wie Menschen nach Hoffnung suchen, nach Widerstandskraft und Lebensmut, der uns in der Krise hält. Als Theologin und Poetin erzähle ich von der Quelle der Freiheit. Von Sehnsucht und Brüchen. Von Gnade. Hungrig nach Gerechtigkeit. Geborgen in meiner Erzählgemeinschaft. Der Erde verbunden und allem, was atmet. Leser*innenbriefe und Feedback zu digitalen Konzerten und Gottesdiensten zeigen, wie bedeutend der Beitrag der Kirchen und der Kultur sind. Menschen brauchen Lieder und Geschichten.

2Flügel und der Kirchentag

Als 2Flügel haben wir schönste Konzerte bei Kirchentagen erlebt. Das Publikum ist bezaubernd: Weltoffen, neugierig, hört engagiert zu. Das zu erleben, ist unbezahlbar. Die ganze Orga spricht mit ihrer Perfektion die Sprache von Profis. Auch das ist beglückend. Bei Kirchentagen erlebe ich meinen Traum von Kirche: Gemeinschaft von lauter verrückten Einzelgänger*innen. Weltweite Verbundenheit. Sorgfalt der Sprache und theologische Dialekte. Dass die Frage nach Gerechtigkeit viele umtreibt und die Schönheit des Glaubens uns Kraft gibt. Dass wir politisch singen und singend demonstrieren können. Heiß diskutieren und begeistert feiern. Gemeinsam erleben, wie gut sie tut: Die Kunst. Die alten und neuen Lieder, Worte und Geschichten. In diesem Sinne: Mögen Gottvertrauen, Kirche und Kunst uns durch diese belastende Zeit tragen.